Critical Incident: Arezou C.

Arezou C. kommt aus dem Iran und lebt seit 2016 in Deutschland. Im Iran hat sie vier Jahre Ernährungswissenschaften studiert und ihren Bachelor abgeschlossen. Inzwischen studiert sie Zahnmedizin an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel.
 

 

"Einmal habe ich deutsche Freunde, zwei ältere Damen, zu mir eingeladen. Ich habe iranisches Essen gekocht und es hat ihnen gut gefallen. Nach dem Essen habe ich Sonnenblumenkerne auf den Tisch gestellt. Sie sagten: “Was ist das? Wir sind doch keine Eichhörnchen!” Ich habe mich geschämt und gedacht, dass ich etwas falsch gemacht habe."

Mahsa M. (26) macht ihren Master in Englischer Literatur, Kultur und Medien an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel. Sie ist seit ihrem 19. Lebensjahr Englischlehrerin und reiste viel durch ihr Land, um die verschiedenen Kulturen des Iran kennenzulernen. Nachdem sie dort alle Städte erkundet hatte, beschloss sie, Erfahrungen in einem anderen Land zu sammeln. Seit 2019 lebt Mahsa in Deutschland.

INTERPRETATION

Bei persischen Verabredungen werden Sonnenblumenkerne als kleiner Snack gegessen. Bei Fußballspielen im Iran wird man oft Menschen sehen, die neben einander sitzen, Sonnenblumenkerne essen und aufgeregt das Spiel verfolgen! Ich erinnere mich daran, dass auch mein Vater diese Kerne gerne gegessen hat, während er seine Lieblingsfilme zu Hause sah. Es ist nicht der einzige Snack, den die Iraner essen, aber sicherlich etwas, was man in ihren Häusern finden würde.

Ich kann die Reaktion von Arezou verstehen und kann ihre Gefühle nachempfinden. Hier handelt es sich um einen kulturellen Unterschied, aber genau das ist das Schöne daran, wenn man unterschiedliche Kulturen kennenlernt. Vielleicht würde sie, wenn sie die deutschen Frauen zu Hause besucht, etwas Seltsames finden, was für die deutschen Damen ganz normal ist. Ich glaube, es wäre besser gewesen, wenn Arezou ihnen erklärt hätte, was sie anbietet, um unangenehme Situationen zu vermeiden. An ihrer Stelle hätte ich die deutschen Frauen ein bisschen vorbereitet und darüber erzählt, was die Iraner normalerweise bei ihren Treffen essen. Danach hätte ich die deutschen Damen die Kerne probieren lassen.

Jackie G. (34) ist in Deutschland geboren und aufgewachsen. Ein Elternteil kommt aus Südafrika. Sie war oft in Kapstadt und hat ein Auslandsjahr auf Barbados verbracht. Jackie ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Zentrum für Schlüsselqualifikationen der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel und unterrichtet den Bereich Wissenschaftskommunikation. 

INTERPRETATION

Meiner Meinung nach  geht es hier um fremde Essgewohnheiten. Die beiden älteren Damen kennen es nicht, dass man Sonnenblumenkerne so knabbert, wie man hier in Deutschland vielleicht Nüsse knabbern würde. Und da Körner in Deutschland tatsächlich auch als Vogelfutter verwendet werden oder an Eichhörnchen gefüttert werden, kamen sich die älteren Damen komisch vor und haben sich darüber scheinbar lustig gemacht. Der Iranerin als Gastgeberin war das peinlich, weil es für sie ganz normal ist, Sonnenblumenkerne nach dem Essen zu knabbern und auch Gästen anzubieten. Es ist also ein kulturell bedingter Konflikt, in dem jeder seine Vorkenntnisse über ein Essen mit in die Situation hineinträgt und nicht sofort versteht, dass andere Leute anders essen. Das gibt es im Bereich des Essens ja häufig. So, wie wir uns in Deutschland nicht vorstellen können, Hunde zu essen. Und in Indien kann man sich nicht vorstellen, Kühe zu essen. Das gibt es in allen Ländern und Regionen.

Darüber hinaus ist es vielleicht auch eine Generationsfrage. Ältere Leute machen sich manchmal auch darüber lustig, dass wir jungen Leute Chiasamen essen. Aber Sonnenblumenkerne, Chiasamen, Leinsamen und alles das sind Nahrungsmittel, die wir jetzt für gesund erachten. Das heißt, es ist in diesem Fall nicht nur ein kultureller, sondern auch ein Generationenkonflikt.

Tarik B. (22) kommt aus Deutschland und studiert Politikwissenschaft und Soziologie an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel.

INTERPRETATION

Vermutlich ist das Ganze als Witz gemeint, ich kann es mir nicht anders vorstellen. In vielen anderen Ländern würde es wahrscheinlich als Beleidigung aufgefasst werden, das Essen der Gastgeberin oder des Gastgebers so deutlich und direkt zu kritisieren. Ich glaube, in vielerlei Hinsicht ist Deutschland da ein bisschen anders, weil man auch sehr direkt sagen kann: “Okay, das ist jetzt irgendwie nicht mein Essen”, oder man verpackt es in eine humoristische Aussage. Mir persönlich käme es allerdings nicht in den Sinn, so einen Spruch fallen zu lassen wie den mit den Eichhörnchen. Dafür müsste ich die Person schon sehr gut kennen und wissen, wie sie reagiert. Das war in dem Moment offensichtlich nicht der Fall.

Ein Projekt des Zentrums für Schlüsselqualifikationen (ZfS) der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel

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