Critical Incident: Konstantin Z.

Konstantin T. kommt aus Deutschland und studiert Klassische Archäologie und Skandinavistik an der Uni Kiel. Seine Mutter ist deutsch, sein Vater stammt aus Griechenland. Konstantin hat für zehn Monate in Dänemark gelebt, wo es ihn auch nach dem Studium hinzieht.

 

Jonas L. kommt aus Hamburg und ist für sein Informatik-Studium nach Kiel gekommen. Sein Vater ist in England geboren und seine Mutter ist Deutsche.
 

 

INTERPRETATION

Der Person wurde die Aufgabe geben, dass sie mithelfen soll. Dafür ist sie extra da und wollte sofort mitanpacken. Ich nehme an, dass sie aus Höflichkeit sagten: „Lass mal, wir machen das.“ Was sicherlich eine nette Geste war, doch aus der Sicht der Person kann man das schnell so aufnehmen, als würde man denken, sie sei nicht stark genug, weshalb sie sich nicht sehr wohl gefühlt hat und ich denke, dass das auf jeden Fall kulturelle Gründe haben kann. Als Deutscher, hat die Person es so aufgefasst, als sei sie nicht gut genug, obwohl es dafür eigentlich gar keinen Grund gibt. Die Griechen haben vielleicht nur aus Höflichkeit gehandelt, statt zu sagen: „Du kannst das nicht.“. Besonders weil sie ja auch in einem fremden Land war. Vielleicht ist es als gastfreundliche Geste zu verstehen, dass man jemandem, der nicht aus dem gleichen Land kommt, etwas Gutes tun möchte. In der Situation hätte ich wahrscheinlich ähnlich reagiert und mich auch nicht besonders gut gefühlt. Dann haben wir auch die Geschlechterrollen, weshalb das Ganze gegenüber den Frauen noch stärker ausgefallen ist, und dass hier aus der Sicht der Griechen eine Frau  vielleicht anatomisch nicht dieselbe Kraft hat wie ein Mann? Vielleicht haben sie das angenommen?

Lea P. kommt aus Deutschland und studiert Politikwissenschaft und Europäische Ethnologie/Volkskunde an der Uni Kiel. Sie hat niederländische und deutsche Wurzeln.
 

 

INTERPRETATION

Ich hätte mich in der Situation auch gewundert und gerade für mich als Frau wäre das in dem Moment wahrscheinlich sehr merkwürdig gewesen. Ich glaube ich hätte mich nicht ernst genommen gefühlt, wenn so deutlich wird, dass Frauen noch weniger erledigen sollen. Aber ich hätte wahrscheinlich daran gedacht, dass es in dem Land vielleicht anders vorgeht. Ich würde die Situation so interpretieren, dass sie aus der kulturellen Sicht Deutschlands sehr ungewöhnlich war. Man kennt es so aus Deutschland, dass, wenn man zu einem Projekt geht  man auch die Arbeit dort verrichtet. Das war scheinbar in Griechenland anders. Da wurde das eher zurückgehalten. Gerade auch die Geschlechterrollen sind einfach anders.

Maria K. (31) ist in Kiel als Tochter griechischer Eltern aufgewachsen. Sie hat Griechische Philologie und Mathematik studiert, lebt und arbeitet in Kiel und verbringt jeden Sommer in Griechenland.

INTERPRETATION

Ein wesentlicher Unterschied in der Wahrnehmung besteht, denke ich, darin, dass für die Studierenden aus Deutschland bzw. Dänemark mit den Arbeiten ein Mehrwert verbunden ist – als Möglichkeit, etwas über die Abläufe auf einer Ausgrabungsstätte zu lernen und sich zu behaupten – während die bezahlten griechischen Arbeiter darin nur eine Pflicht sehen, die erfüllt werden muss. Unter dieser Perspektive setzt dann ein Mechanismus des ‚Beschützens‘ ein, der durchaus der griechischen Kultur eigen ist: Die ‚jungen Leute‘ sollen sich nicht schinden, wenn doch die griechischen Arbeiter genau zu diesem Zweck im Einsatz sind. Die stärker patriarchalische Prägung lässt diesen Schutz dann insbesondere den jungen Frauen zukommen. Natürlich hat dieses ‚Beschützen‘ auch etwas von Bevormundung. Ich kann verstehen, dass es nicht leicht zu akzeptieren ist, wenn man aus einer Gesellschaft kommt, in der man gewohnt ist, als (junger) Erwachsener höchstens von den eigenen Eltern bevormundet, sonst aber als Gegenüber auf Augenhöhe behandelt zu werden. Dahinter steckt aber auch viel Herzlichkeit! Ich hätte in dieser Situation versucht, das Verhalten der Arbeiter als freundliche Geste anzunehmen und zugleich sehr bestimmt zu kommunizieren – gegebenenfalls auch mit ein
bisschen Übertreibung – dass das Erledigen der Arbeiten für mich persönlich bedeutsam und gewinnbringend ist.

Ein Projekt des Zentrums für Schlüsselqualifikationen (ZfS) der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel

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