Critical Incident: Lars H.

Lars H. kommt aus Deutschland und studiert Soziologie und Politikwissenschaft an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel. 

Lars
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Ida M. kommt aus einem kleinen Dorf im Kreis Plön und studiert Empirische Sprachwissenschaft und Islamwissenschaft an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel. Sie engagiert sich als Tandem-Partnerin bei kulturgrenzenlos e.V. in Kiel für die soziale Integration von Geflüchteten. 

INTERPRETATION

Ich kann mir vorstellen, dass der syrische Mann das Mitbringen eines Salats so interpretieren würde, dass man dem Gastgeber damit signalisiert, er hätte nicht genug Essen da, sein Essen wäre nicht lecker, oder, dass es einem nicht gefällt. Auf der anderen Seite ist die deutsche Frau es gewohnt, dass man für solch ein gemeinsames Essen etwas mitbringt und das Essen quasi gemeinsam zusammenstellt. Ich würde schon sagen, dass diese Situation kulturell bedingt ist, da wir es eben gewohnt sind, dass man einander so hilft, dass nicht einer alles alleine kochen muss. Ich wäre ebenfalls auf die Idee gekommen, etwas mitzubringen und in diesem Konflikt hätte ich, glaube ich, auch versucht mich durchzusetzen, weil man das Verhalten gut begründen kann, da es hier eben so üblich ist.

Jackie G. (34) ist in Deutschland geboren und aufgewachsen. Ein Elternteil kommt aus Südafrika. Sie war oft in Kapstadt und hat ein Auslandsjahr auf Barbados verbracht. Jackie ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Zentrum für Schlüsselqualifikationen der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel und unterrichtet den Bereich Wissenschaftskommunikation. 

 

INTERPRETATION

Ich finde es auch immer noch schwer zu beurteilen, wann man etwas zu einer Einladung mitbringen sollte, weil das von Person zu Person unterschiedlich ist. Meistens ist es in Deutschland so, dass man nicht einfach etwas mitbringt, sondern den Gastgeber fragt, ob das überhaupt erwünscht ist. Dann werden die Leute Ja oder Nein sagen. Wenn man zu einem Abendessen in einer Familie eingeladen wird, dann ist es eigentlich untypisch, etwas mitzubringen, ohne dass man darum gebeten wird. Wenn man aber zum Grillen verabredet ist, dann bringt man eigentlich fast immer etwas mit. Deshalb kommt es sowohl auf das Setting und die Umstände als auch auf die Person selbst an.

Ich war einmal bei einer älteren, deutschen Dame eingeladen und habe ungefragt einen Nachtisch mitgebracht, weil ich so begeistert war von einem neuen Rezept. Sie hatte sich aber so viel Mühe gegeben mit ihrem Essen, dass ich mich in dem Moment schlecht gefühlt habe, weil ich glaube, sie dachte, dass mein Nachtisch ihren Nachtisch jetzt ein bisschen in den Schatten stellt. Das war eine blöde Situation, das hatte ich gar nicht gewollt. Ich wollte aber auch nicht, dass sie sich die ganze Mühe alleine macht. Aber sowas hätte man vorher absprechen müssen. Ich glaube in Deutschland ist es immer gut, vorher darüber zu reden, wer was mitbringt und ob das überhaupt erwünscht ist.

Mayyas E. (19) kommt aus Syrien und lebt seit 2016 in Deutschland. Sie ist in einer kleinen, neu gebauten und sehr multikulturellen Stadt außerhalb des Zentrums von Damaskus aufgewachsen. Inzwischen studiert sie Anglistik / Nordamerikanistik und Empirische Sprachwissenschaft an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel

 

INTERPRETATION

Wenn man in Syrien jemanden besucht, bringt man für gewöhnlich nichts mit, erst recht nichts Selbstgemachtes, denn das wird in Syrien so aufgefasst, als würde man nicht darauf vertrauen, dass die Gastgeber Essen im Haus haben oder kochen können. Wenn man von Syrern eingeladen wird, bereiten sie alles für einen vor und kochen oftmals viel zu viel Essen *lacht*. Syrer kochen immer riesige Mengen an Essen, selbst wenn keine Gäste kommen *lacht*. Die Gastgeber wollen zeigen, dass sie großzügig und freundlich sind, und das zeigen sie nun mal durch die Menge an Essen, die sie zubereiten.

Wenn man unbedingt etwas mitbringen möchte, dann kann man gekaufte Süßigkeiten oder Blumen oder vielleicht Dekoration mitbringen, das würde eher akzeptiert werden als selbstgemachtes Essen. Auch ein selbstgemachter Kuchen würde nicht so gut ankommen. Die Süßigkeiten, die man in Syrien typischerweise verschenkt sind solche, die man zu Hause schwer zubereiten kann. So sieht der Gastgeber, dass man sie gekauft und nicht selbst gemacht hat. Ich glaube aber nicht, dass jemand aus meiner Generation oder der Generation meiner Eltern beleidigt wäre, wenn eine nicht-syrische Person einen Salat mitbringt. Meine Oma vielleicht *lacht*.

Es kommt aber drauf an, aus welcher syrischen Region man kommt. Manche Regionen halten sich strikter an Traditionen als andere. Die Hauptstadt Damaskus, wo ich herkomme, ist sehr multikulturell. Ich bin mit Personen aus so vielen unterschiedlichen Kulturen aufgewachsen, dass ich nie wirklich strikt gelernt habe: “Das ist richtig” und “Das ist falsch”. Obwohl ich mittlerweile mit der deutschen Kultur sehr vertraut bin, verstehe ich trotzdem nicht, warum ausgerechnet Salat *lacht*. Es ist natürlich eine nette Geste, dass so viel Mühe in den Salat gesteckt wurde, aber ein Salat wäre wahrscheinlich das letzte, was ich mitbringen würde. Ich würde eher etwas Exotisches mitbringen, was die Gastgeber nicht kennen. Wenn ein deutscher Freund oder eine deutsche Freundin zum Essen bei mir einen Salat mitbringen würde, wäre ich natürlich nicht beleidigt. Ich würde allerdings aus Neugierde fragen, warum es ausgerechnet ein Salat ist *lacht*.

Ein Projekt des Zentrums für Schlüsselqualifikationen (ZfS) der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel

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