Critical Incident: Lea P.

Lea P. kommt aus Deutschland und studiert Politikwissenschaft und Europäische Ethnologie/Volkskunde an der Uni Kiel. Sie hat niederländische und deutsche Wurzeln. 

Lea
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Maurice M. (38) ist black POC und in Deutschland und den USA aufgewachsen. Ein Elternteil kommt aus Frankreich, er ist aber hauptsächlich in Deutschland sozialisiert worden. Maurice gibt Workshops zum Thema Rassismus, Diskriminierung und Empowerment.

 

INTERPRETATION

Aus deutscher Sicht, da wir diese Nikolaus-Tradition mit dem Schwarzen Piet nicht haben, würde ich diese Situation auf jeden Fall als sehr kritisch betrachten und vor allem als sehr Rassismus-unkritisch. Es gibt diese Tradition des „Blackfacing“, bei der sich Menschen schwarz anmalen - nicht nur in den Niederlanden und Deutschland, sondern vor allem auch in den USA und überall, wo die Mehrheitsgesellschaft weiß gelesen ist. In Deutschland wird es hin und wieder zum Karneval gemacht. Wenn man sich aber schwarz anmalt, dann macht man auch ungewollt und unbewusst die Erfahrung von schwarzen Menschen, die Rassismus erlebt haben und die nicht zum privilegierten Teil der Gesellschaft gehören, kleiner. Man suggeriert dadurch „Ist ja ganz einfach, schwarz zu sein. Das kann ich auch, ich mal mich einfach schwarz an.“ Aber aufgrund des jahrhundertelangen Machtverhältnisses schwingen da bestimmte Botschaften mit, die man nicht einfach ignorieren kann. Aus diesen Gründen ist Blackfacing wirklich sehr unangebracht, egal wann und wo. Beim Karneval in Deutschland gab es dazu schon einige Gegenkampagnen mit der Botschaft: „Meine Hautfarbe ist kein Kostüm!“ Wenn ich als Black POC sehe, wie sich weiße Menschen schwarz verkleiden, dann verletzt mich das sehr und macht mich wütend, weil das für mich mit einer Unreflektiertheit und vielleicht sogar Gleichgültigkeit einhergeht. Es wirkt zumindest so, als wäre die deutsche Person, die zur Nikolaus-Feier mitgekommen ist, ein bisschen sensibilisierter für das Thema als die Person, die aus der niederländischen Familie kommt. Es könnte unter Umständen sein, dass die Person aus den Niederlanden die Schwierigkeit in einer anderen Situation sofort selbst erkannt hätte, aber nicht in dieser Situation, weil es halt ihre Tradition ist. Ganz oft erkennt man die Schwierigkeiten nicht, wenn man zu nah dran ist. Traditionen, die man von Kind auf kennt, werden nicht so leicht hinterfragt wie etwas, das man erst im Erwachsenenalter kennenlernt. Das Aneinanderraten mit der Freundin aus Deutschland scheint die Erzählerin aber zum Nachdenken gebracht zu haben.

Felizitas B. (29) ist im Münsterland aufgewachsen und wohnt seit drei Jahren in Kiel. An der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel hat sie den Master Migration und Diversität studiert und schreibt zurzeit ihre Masterarbeit. Nebenbei arbeitet sie als HiWi für kulturgrenzenlos e.V. und organisiert interkulturelle Events, wie zum Beispiel das Sprachcafé. Durch ihr Engagement fördert sie einen interkulturellen Austausch auf dem Campus.

 

INTERPRETATION

Ich muss mal darüber nachdenken, was der Schwarze Piet überhaupt darstellt. Ist er mit Ruß bemalt, wie ein Schornsteinfeger? Oder soll er wirklich eine schwarze Person darstellen? Mit Blackfacing habe ich mich ja im Studium schon viel auseinandergesetzt, insofern sehe ich das natürlich eher kritisch. Ich kann mir aber nicht vorstellen, dass ein zehnjähriges Kind sich dessen schon bewusst ist. Hat die Freundin das wirklich so gesagt, „wieso die Familie sowas unterstützt“? Oder hat sich Leas Erinnerung mit den Jahren verändert, und vielleicht war es damals eher eine Frage wie: „Wieso finden die den Black Piet so toll, wenn man hier in Deutschland eher Angst vor schwarzen Menschen hat?“ Denn wenn ich an meine Kindheit denke, dann ist ja immer Knecht Ruprecht mit dem Nikolaus mitgekommen. Knecht Ruprecht war der Böse. Er war schwarz angemalt und hat gefragt „Warst du denn auch artig?“ Als Kind hatten wir alle Angst vor ihm. Und dann gab es ja auch diese Kinderspiele, „Wer hat Angst vorm schwarzen Mann?“ Ich kann mir vorstellen, dass die Freundin von Lea sich eher darüber gewundert hat, dass sie sich alle über den Schwarzen Piet gefreut haben, während deutsche Kinder vielleicht Angst gehabt hätten. Oder hat sie wirklich gemerkt, dass es irgendwie nicht richtig ist, wenn eine weiße Person sich schwarz anmalt? Vielleicht haben die Eltern ihr schon sowas mitgegeben? Dann würde sie schon aus einem sehr aufgeklärten Zuhause kommen. Den meisten Deutschen ist glaube ich nicht bewusst, dass Blackfacing ein Problem ist. Das sieht man ja immer wieder beim Karneval. Also, ich finde es schwer zu sagen.

Janiek B. (48) ist in Holland geboren und mit fünf Jahren nach Kiel gezogen. Nach dem Ende der Grundschulzeit ging es wieder zurück nach Holland. Mit ihrem Mann und ihren drei Kindern wohnt sie in der holländischen Stadt Tilburg und arbeitet als Feuerwehrkommandantin.

 

INTERPRETATION

Ich glaube, die deutsche Freundin war entsetzt, weil sie nicht wusste, was sie dort sah. Sie glaubte, einen weißen Mann auf einem Pferd mit Sklaven um ihn herum zu sehen. Für uns ist die Geschichte ganz anders. Der weiße Mann ist ein Bischof und er hat vor 600 Jahren an seinem Geburtstag Geschenke an die armen Kinder verteilt. Dabei brauchte er Leute, die ihm halfen. Das waren auch weiße Menschen, aber sie sind zu den Kindern durch die Kamine gekommen, weshalb sie schwarz wurden. Eigentlich genau das Gleiche wie der Santa Claus in Amerika. Ich hoffe auch, dass es weltweit bekannt wird, dass der Sinta Claas der Ursprung vom Weihnachtsmann ist. Die Holländer sind 1700 nach Amerika gekommen und haben das katholische Sinta Claas Fest mitgebracht. Da es in Amerika viele Menschen mit anderen Hintergründen und anderem Glauben gab, haben die Amerikaner dann aus Santa Claus den Weihnachtsmann gemacht. 

Ich hoffe, dass Sinta Claas noch ganz lange gefeiert werden kann, obwohl ich gut verstehen kann, dass es nicht für alle ein schöner Anblick ist. Deswegen wäre es besser, die Helfer vom Sinta Claas nicht so schwarz anzumalen, sondern etwas weniger, sodass es aussieht, als ob sie nur Asche auf dem Gesicht haben, weil sie durch den Schornstein gekommen sind. Ich glaube, das wäre schon besser. 

Ich denke also, dass die Freundin von Lea den Sinta Claas falsch interpretiert hat. Ich verstehe aber nicht, warum Lea ihr das nicht vorher erklärt hat. Wenn man den Hintergrund nicht kennt, woher soll man verstehen, was man da sieht?   

Marijke M. (75) ist in den Niederlanden aufgewachsen und hat mehrere Jahre in Deutschland und Spanien gelebt. Sie spricht fließend Französisch, Deutsch, Spanisch und Englisch und arbeitete als Sprachlehrerin und Hostess in einem Weinmuseum. Heute lebt sie wieder in den Niederlanden.

INTERPRETATION

Die Halbholländerin hätte ihrer Freundin vorher erklären sollen, wie das Fest entstanden ist und dass der Zwarte Piet durch den Schornstein kommt und deshalb schwarz ist. Sint Nicolaas ist der Vorläufer vom Weihnachtsmann, deshalb kommen auch der Weihnachtsmann und seine Helfer durch die Schornsteine. Zum Sint-Nicolaas-Fest gibt es immer ein paar Proteste in den Niederlanden, hauptsächlich von Menschen, die aus Surinam stammen. Ich bin der Meinung, dass wir unsere Traditionen behalten sollten und derjenige, der hier leben möchte, diese respektieren sollte.

Ein Projekt des Zentrums für Schlüsselqualifikationen (ZfS) der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel

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