Critical Incident: Verena S.

Verena S. kommt aus Würzburg und lebt seit neun Jahren in Kiel. Sie studiert Soziologie und Pädagogik an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel.
 

Verena
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Maurice M. (38) ist black POC und in Deutschland und den USA aufgewachsen. Ein Elternteil kommt aus Frankreich, er ist aber hauptsächlich in Deutschland sozialisiert worden. Maurice gibt Workshops zu den Themen Rassismus, Diskriminierung und Empowerment.

INTERPRETATION

Ich finde die Interpretation dieser Situation sehr schwierig, weil es sehr viele Gründe haben könnte. Es könnte sein, dass das deutsche Kennzeichen dazu geführt hat, dass die Person vielleicht von vornherein schon Vorurteile hatte und keine Lust auf Kontakt mit dieser Person hatte. Es kann aber auch sein, dass es ein Missverständnis war und die Person, die in der Tankstelle arbeitet, gerade gestresst war. Es könnte auch daran liegen, dass eine Frau gefragt hat. Oder, dass die Person grundsätzlich nicht gut mit Menschen kommunizieren kann und Menschen nicht mag *lacht*, also keine gute Serviceperson ist, aber trotzdem im Service arbeitet, was oft der Fall ist. Vielleicht wollte er signalisieren, dass es nicht seine Aufgabe ist, sondern dass er nur für die Kasse zuständig ist.

Und es gibt natürlich auch die Möglichkeit, dass man, wenn man kein Französisch spricht, in Frankreich manchmal auf Ablehnung stößt. Das kann aber überall passieren, in Deutschland genauso. Das gängige Klischee, dass in Frankreich nicht gerne irgendwas anderes als Französisch gesprochen wird, wird meiner Meinung nach oft fälschlicherweise generalisiert. Das Niveau des Fremdsprachenunterrichts ist in Frankreich viel schlechter als zum Beispiel in Deutschland. Und in Frankreich wird oft suggeriert (vielleicht hat sich das inzwischen aber auch geändert), dass man Fremdsprachen am besten gar nicht sprechen sollte, bevor man sie perfekt spricht. Ich glaube, das führt ganz oft dazu, dass die Menschen in Frankreich unsicher sind, wenn sie eine andere Sprache sprechen sollen. Für mich scheint es jedenfalls individuelle Gründe zu haben und kein kulturelles Problem zu sein, da der Kollege an der Tankstelle den beiden Deutschen dann ja geholfen hat.

Nelly G. (51) kommt aus Frankreich und lebt seit 1990 in Kiel. Nach ihrem Germanistikstudium an der Universität Brest hat sie an der FH Kiel Sozialwesen studiert. Seit 2009 arbeitet Nelly im Bereich DaF (Deutsch als Fremdsprache) der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel und unterrichtet dort Deutsch in den Studienbegleitungs- bzw. Studienvorbereitungs-Kursen.

 

INTERPRETATION

Ich nehme an, dass der Tankwart, von dem die deutsche Urlauberin sich schnelle Hilfe erhofft hatte, tagtäglich mit Touristen zu tun hat, die in einem mehr oder weniger gutem Französisch wissen wollen, warum die Zapfpistole nicht freigeschaltet wird. Anders als in Deutschland ist es an französischen Tankstellen tatsächlich nicht unüblich, vor allem auf Autobahnstrecken, dass man an der Kasse den gewünschten Kraftstoff bezahlen muss, bevor man sein Auto überhaupt betanken kann. Das wird der Tankwart auch mehrmals am Tag erklären müssen. Hier wird er aber gleich auf Englisch angesprochen. Auch diese Situation ist für ihn vermutlich nicht neu. So zeigt er auch (vermutlich automatisch, wie er es in dieser Situation immer tut) mit der Hand Richtung Tür und ignoriert alles Weitere.

Dass die interviewte Person diese Handbewegung als „abwertende Handbewegung“ bezeichnet, kann ich nachvollziehen, denn sie fühlt sich in ihrer Not abgewiesen. Das Verhalten des Tankwarts würde ich dennoch nicht unbedingt als herablassend interpretieren: die Tatsache, dass ein Kollege doch zu Hilfe kam, lässt mich nämlich vermuten, was dem Tankwart in dem Moment durch den Kopf ging:“ Englisch…, nee, bevor ich mich hier schon wieder mit Händen und Füßen damit quäle, dieser Frau zu erzählen, wie sie vorzugehen hat, und bevor sich hier eine riesige Schlange bildet, soll sie doch kurz warten. Der Kollege kümmert sich schon darum…“. Durch sein Verhalten, das ich übrigens auch als wenig emphatisch bezeichnen würde, möchte er vermutlich vor allem vermeiden, in diese schwierige Situation zu geraten. So zeigt er auch konkret, dass er nicht der richtige Ansprechpartner ist, und dass sie auf den richtigen an der Tür warten soll.

Ich glaube, dass es im Allgemeinen nicht ratsam ist, fremdes Verhalten persönlich zu nehmen, dafür kann es nämlich tausend Gründe geben. Ob der Tankwart einfach nur einen schlechten Tag hatte und deshalb nicht hilfsbereit war, ob er sich prinzipiell  weigert, auf Fragen einzugehen, die ihm auf Englisch gestellt werden, weil er das arrogant findet? Ob ich mit meiner Vermutung hier überhaupt richtig liege, weiß nur der Tankwart.

Jedoch ist es in Frankreich, Spanien oder auch Italien, anders als in Deutschland oder in skandinavischen Ländern, nicht unbedingt selbstverständlich (auch unter der jüngeren Generation nicht), dass Englisch gesprochen wird. Im Museum vielleicht ja, auf der Tankstelle oder im Supermarkt weniger.

In einem fremden Land würde ich deshalb versuchen, in der Landessprache ins Gespräch zu kommen. Das zeugt von Interesse und Respekt gegenüber dem Gesprächspartner und schafft Vertrauen. Und sobald man sich bemüht, ist oft Entgegenkommen auch schon da, und nicht selten werden dabei die Englischkenntnisse doch wachgerüttelt.

Ida M. kommt aus einem kleinen Dorf im Kreis Plön und studiert Empirische Sprachwissenschaft und Islamwissenschaft an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel. Sie engagiert sich als Tandem-Partnerin bei kulturgrenzenlos e.V. in Kiel für die soziale Integration von Geflüchteten. 

INTERPRETATION

Ich würde sagen, in der Situation gab es ein sprachlich bedingtes Verständigungsproblem. Vielleicht hat der Mitarbeiter der Tankstelle mit seinen Handbewegungen versucht die Person darauf hinzuweisen, dass draußen Mitarbeiter dafür zuständig sind, Anweisungen oder Bedienungsanleitungen zu geben. Aufgrund der fehlenden Sprachkenntnisse konnte er es nicht anders ausdrücken. Verena S. hat die Handbewegungen aber so verstanden, dass sie den Laden verlassen soll. In Deutschland ist es nicht üblich, solche Handbewegungen zu machen. Das wirkt dann immer gleich abweisend. Ich denke nicht, dass es ein kulturell bedingtes Problem war. Ich glaube, wenn der Mitarbeiter dieselbe Sprache sprechen würde, hätte er es wahrscheinlich sprachlich rübergebracht, anstatt Handbewegungen zu machen. 

Jonas L. kommt aus Hamburg und ist für sein Informatik-Studium nach Kiel gekommen. Sein Vater ist in England geboren und seine Mutter ist Deutsche. 

INTERPRETATION

Ich denke, dass in dieser Situation auf jeden Fall die Sprache ein Problem war. Als deutsche Person geht man eigentlich davon aus, dass man mit Englisch überall relativ gut zurecht kommt. Es ist dann natürlich schwer, wenn die Kommunikation gar nicht klappt. In dieser Situation war es zusätzlich so, dass die Person in der Tankstelle relativ abweisend gewirkt hat, was natürlich an vielen Dingen liegen könnte. Zum Beispiel, dass er sich nicht auf Englisch ausdrücken möchte oder kann. Man kennt das ja vielleicht selber, dass man ein bisschen hilflos ist, wenn man eine Sprache gar nicht sprechen kann und versuchen muss, irgendwas Komplexes zu beschreiben.

Ein Projekt des Zentrums für Schlüsselqualifikationen (ZfS) der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel

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