Critical Incident: Mustafa E.

Mustafa E. (29) kommt aus der Türkei und lebt seit 2017 zusammen mit seiner Frau in Deutschland. Er hat in der türkischen Stadt Konya Jura studiert und möchte sein Studium an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel fortsetzen. 
 

Als meine Frau und ich in unsere neue Wohnung eingezogen sind, wollten wir unsere Nachbarn kennenlernen, um unser Deutsch zu verbessern und mit Menschen in Kontakt zu treten. Wir haben eine 73-jährige Frau aus unserer Nachbarschaft auf der Straße kennengelernt und treffen uns bis heute noch regelmäßig einmal in der Woche. Wir diskutieren auch über religiöse Dinge, unter anderem über das Kopftuch meiner Frau. Wir haben mehrmals versucht, ihr das Kopftuch zu erklären. Einmal sagte sie aber, wir müssten uns in die Gesellschaft integrieren und meine Frau sollte zum Beispiel ihr Kopftuch variieren, entweder es sollte kürzer sein, damit meint sie nicht den kompletten Kopf bedecken, oder meine Frau sollte es komplett ausziehen. Das hat meine Frau und mich natürlich schockiert und wir haben ihr gesagt, dass wir Integration so verstanden haben, dass wir drei wichtige Aufgaben haben: Erstens, dass wir die deutsche Sprache sehr gut lernen müssen, zweitens, dass wir versuchen, so schnell wie möglich eine Arbeit zu finden und drittens, dass wir mit unseren Nachbarn bzw. anderen Einheimischen gute Beziehungen entwickeln. Das ist unsere Integrationsperspektive. Sie sagte dann, dass sie unsere Situation verstehen kann, aber wollte uns helfen und erklären, dass man mit Kopftuch auf dem deutschen Arbeitsmarkt Schwierigkeiten hat und kaum Arbeitsplätze findet.

Berfin H. (38) flüchtete als Kind mit ihrer Familie aus den kurdischen Gebieten der Türkei nach Deutschland. Nach einer Ausbildung zur Arzthelferin holte sie ihr Abitur nach und studierte Soziale Arbeit. Seitdem arbeitet sie als Sozialpädagogin. Sie hat zwei Kinder und lebt mit ihrem Lebensgefährten in Bayern. Berfin fliegt regelmäßig in die Türkei zu Freunden und Familie.

INTERPRETATION

In der Situation zeigt sich ein grundlegendes Problem, wenn es um Integration geht. Integration scheint für viele "Ausländer" ein Prozess zu werden, der nie zu Ende geht. Egal, wie weit sie versuchen, sich in der Gesellschaft einzugliedern und einzubringen, wird immer noch etwas mehr verlangt. Dies geht so weit, dass man zu dem Gefühl kommt, dass man sein eigenes Wertesystem komplett verwerfen muss, um akzeptiert zu werden. Die Forderung nach Integration wird zur Aufforderung zur Assimilation, wobei mir nie ganz klar ist welcher "Gesellschaft" man sich überhaupt anpassen soll, denn die "Deutschen" sind schließlich selbst ein sehr heterogenes Volk. 

Für das türkische Ehepaar in diesem Fall ist es nahezu beleidigend, dass man sie nicht so akzeptiert wie sie sind, obwohl sie selbst offen und mit guter Absicht ihrer Nachbarschaft gegenübertreten.

Generell sind Werte und Normen, nach denen man leben will, ein elementarer Faktor für das eigene Selbstbewusstsein. Bei Menschen aus der Türkei spielen dabei oft auch religiöse (meist islamische) Werte eine zentrale Rolle. Für viele Frauen ist das Kopftuch als religiöses Symbol dabei ein wichtiges Element. Die Aufforderung, das Kopftuch abzulegen, kommt der Aufforderung gleich, seine kulturellen Wurzeln aufzugeben. 

Da ich weder besonders religiös bin noch ein Kopftuch trage, kann ich die Situation nicht hundertprozentig nachempfinden. Dennoch denke ich, dass ich die Aufforderung als respektlos empfunden hätte. Es ging schließlich nicht um eine sachliche Diskussion oder Austausch über Religion oder das Kopftuch als Symbol, sondern um die Aufforderung, mich zu verstellen und nicht zu meiner Religion zu stehen. Es ist nicht schön, das Gefühl vermittelt zu bekommen, "anders" oder gar "minderwertig" zu sein und dies nicht sein zu dürfen.

Berfin H. (38) -> Platzhalter, Helga G.

INTERPRETATION

Hier treffen zwei Seiten aufeinander. Zum einen gibt es den religiösen Hintergrund, dass ab einem gewissen Alter ein Kopftuch getragen wird. Auf der anderen Seite verstehe ich auch die deutsche Person. Ich glaube, dass sie gar nicht sagen will, dass die Frau das Kopftuch generell nicht tragen sollte, sondern dass sie erkannt hat, dass die Frau in Deutschland auf Probleme stoßen kann, wenn sie mit Kopftuch zur Arbeit geht. Ich glaube nicht, dass es für das Verhalten der deutschen Frau kulturelle Gründe gibt. Sie wollte wahrscheinlich nur bei der Arbeitsbeschaffung helfen. Ich denke auch, dass sie es nicht gewohnt ist, Menschen mit Kopftuch zu sehen, weil sie ja auch schon etwas älter ist. Junge Leute heutzutage treffen vielleicht auch häufiger auf Menschen mit Kopftuch. 

Ich hätte in dieser Situation das Kopftuch eventuell auch angesprochen, um die Arbeitsfindung zu erleichtern. Allerdings muss man dabei vorsichtig sein, denn man sollte niemanden diskriminieren oder einer Person das Gefühl geben, sie sei mit Kopftuch nicht erwünscht. Der Eindruck entsteht natürlich schnell. Ich würde das auch respektieren, dass sie ein Kopftuch trägt.

Lea  (23) lebt in Kiel und ist in Bremen aufgewachsen. Sie macht gerade ihren Bachelor in Politik- und Islamwissenschaft und beginnt danach mit dem Masterstudium Migration & Diversität an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel.

INTERPRETATION

Von ähnlichen Situationen habe ich schon oft gehört beziehungsweise Standpunkte wie den der deutschen Frau auch schon von Familienmitgliedern mitbekommen. Ich denke, dass der Wunsch, dem Paar hier in Deutschland zu helfen, im Vordergrund steht. Bedenken von deutschen Nichtmuslim*innen, die das Kopftuch als eine Alltagsbehinderung insbesondere auf dem Arbeitsmarkt wahrnehmen sind scheinbar weitverbreitet und haben eigentlich eine gute Intention: den Menschen den Einstieg zu erleichtern. Was dabei – ich vermute vielfach aus Unkenntnis über den Islam und muslimisches Leben – außer Acht gelassen wird, ist die Perspektive der Gläubigen. Das Kopftuch ist kein Bekleidungsaccessoire, das beliebig an- und wieder abgelegt werden kann, sondern oftmals eine Entscheidung für eine bestimmte religiöse Auslegung. Das haben die beiden ihrer Nachbarin sicher auch erklärt und in meinen Augen ist das Erklären auch der einzige Weg. Die Nachbarin handelt in guten Absichten, reiht sich jedoch scheinbar in ein deutsches Muster ein, nach dem Vorsicht und Unauffälligkeit gerade für Zugezogene oft als große Tugenden wahrgenommen werden. Beide Parteien haben den richtigen Anfang gemacht und versucht, sich zu erklären. Das hätte ich sicher nicht anders gemacht und mich bemüht, der Nachbarin meine Perspektive auf ihren Rat zu eröffnen.