Critical Incident: Marwa O.

Marwa.jpg

Marwa O. ist in Kiel geboren und aufgewachsen. Sie studiert an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel. Da ihre beiden Eltern aus Afghanistan kommen, hat sie schon immer zwischen zwei Welten mit verschiedenen Kulturen gelebt, die aus ihrer Sicht in einem dauernden Konflikt stehen.

"Dieses Ereignis ist in meinem Leben mehrmals vorgekommen, aber ich erinnere mich noch ganz genau an zwei davon. Zu unseren großen Festen wie Ramadan oder Neujahr hatte meine Familie die Tradition, sich die Hände am vorherigen Abend mit Henna rot zu färben. Für mich als Kind war das immer ein schönes Erlebnis, auf das ich mich jedes Jahr wieder gefreut habe. Allerdings kam es in der Schule wiederholt vor, dass ich dafür gehänselt wurde. In der Grundschule sind die Kinder immer zu mir gekommen und haben geschrien: „Ihhh, da ist Blut an der Hand. Wie ekelhaft, sie hat Blut an der Hand!“ Natürlich war das schwer für mich als Kind und es hat meine Freude an dem schönen Henna reduziert. Aber ich habe nie damit aufgehört, da es ja ein Teil der Kultur meiner Heimat war. So kam es dann in der Mittelstufe eines Gymnasiums wieder zu einem besonders prägenden Fall. Im Biologieunterricht sollte eine Person für alle Brot schneiden, damit wir durch das Kauen die verschiedenen Geschmacksrezeptoren auf der Zunge feststellen konnten. Der Lehrer wählte mich aus und natürlich freute ich mich, weil sich alle eifrig gemeldet hatten, so wie ich auch. Aber sobald der Lehrer mich ausgewählt hatte, wurde schon die Stimme eines Jungen in der Klasse laut, der rief: „Ich will nichts essen, was sie in der Hand hatte, ihre Hände sind schmutzig! Ekelhaft!“ Leider schritt auch die Lehrkraft nicht ein. Das war das letzte Mal, dass ich meine Hände mit Henna komplett rot gefärbt habe."

Wintermode

Elisabeth A. ist in Hamburg geboren. Sie studiert Kunstgeschichte und Klassische Archäologie an der Christian- Albrechts- Universität zu Kiel.

INTERPRETATION

Ich denke, in dieser Situation sind unterschiedliche kulturelle Hintergründe aufeinandergestoßen. Die Kinder haben das Henna an Marwas Hand als Dreck wahrgenommen und wollten deshalb nicht, dass sie das Brot schneidet. In Deutschland wird Kindern häufig früh beigebracht, sich zum Beispiel vor dem Essen die Hände gründlich zu waschen. Ich kann mir vorstellen, dass die Vorfälle für Marwa wirklich verletzend waren, da etwas für sie so Schönes von anderen so niedergemacht wurde.

Ich finde es sehr schade, dass die Lehrkraft nicht eingeschritten ist und versucht hat zu vermitteln. Wären die Kinder aufgeklärt worden, hätte das die Situation sicherlich erleichtert und für mehr Verständnis gesorgt. 

Als Kind sind einem die eigenen Lebensumstände und Traditionen nicht bewusst und man empfindet sein Leben als normal. Wird man dann mit neuen Traditionen und Lebensmodellen konfrontiert, ist das erst mal komisch. Vermutlich hätte auch ich als Kind zunächst ablehnend reagiert. Aus meiner jetzigen Perspektive kann ich jedoch sagen, dass mir zum Beispiel Marwas Henna an den Händen als Unterschied zu mir selbst auffallen, ich dem allerdings wertfrei begegnen würde. 

Roona.jpeg

Roona Z. (29) kommt ursprünglich aus Afghanistan und hat dort Chemical Technology Engineering studiert. Sie wohnt seit drei Jahren in Deutschland und möchte hier ihr Masterstudium fortsetzen.

INTERPRETATION

In Afghanistan gibt es zwei große Feste, das Zuckerfest und das Opferfest, die wir auch gerne so feiern würden, wie z.B. in Deutschland alle Weihnachten und Silvester feiern. Wie Marwa erzählt hat, ist es in meinem Heimatland eine Tradition, dass sich am Vorabend alle die Hände mit Henna rot färben.

Aus meiner Sicht handelt es sich hier um kulturelle Differenzen, die man in so einer interkulturellen Situation wahrnimmt. Ich erinnere mich noch an den Tag, an dem ich neu nach Deutschland kam. Ich fand es damals auch komisch, dass die meisten Deutschen rohen Fisch aßen. Wenn mir das jemand angeboten hätte, hätte ich das auch genauso eklig gefunden. In meiner Heimat kann man sich nicht vorstellen, rohen Fisch zu essen. 

In der Situation von Marwa hätte ich kurz die Geschichte dieser Tradition erzählt, dass wir uns voller Freude die Hände färben. Ich hätte niemals mit Henna aufgehört, denn es ist meine Kultur. Es gibt keinen Grund, mich für meine Kultur zu schämen. Wir sind auf dieser Welt alle die gleichen Menschen, es gibt dabei keine Differenzen.

Tatsächlich liegt es an jedem/jeder selbst, wie er/sie die Welt sehen möchte. Es wäre schön, wenn wir alle die Welt mit den Augen des Anderen sehen würden, mit Fröhlichkeit im Herzen, nicht mit der Kulturbrille. 

Foto_Anne_Rabe.jpg

Anne R. (47) ist Seminarleitung am ZfS-Schlüsselkompetenzen der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel und freiberufliche Trainerin.

INTERPRETATION

Das Verhalten der Kinder Marwa gegenüber ist sehr verletzend. Es muss sehr wehgetan haben, diese Kommentare zu hören. Ich vermute, dass die beschriebenen Grundschulkinder mit der Ansage aufgewachsen sind, dass es sehr wichtig sei, möglichst immer saubere Hände zu haben. Das, was sie nicht kennen, bewerten sie leider erstmal negativ. Ich glaube nicht, dass dies eine kulturelle Besonderheit ist, eher eine Frage der Haltung. Es gibt ja auch Kinder, die erstmal fragen, wenn sie etwas nicht sofort einordnen können, und es gibt Kinder, die Partei ergreifen für diejenigen, die schlecht behandelt werden.

Ich denke, dass Marwa sich in diesen Situationen immer wieder schutzlos gefühlt haben muss. Ich finde es sehr traurig, dass sich scheinbar niemand für sie stark gemacht hat, sodass Marwa die Tradition ihrer Familie aus diesen Gründen nicht mehr weiterführen mag.

Als Lehrkraft hätte ich diese Situationen hoffentlich mitbekommen und dann entsprechend deutlich interveniert. Informationen und Austausch über verschiedene Traditionen und Bräuche hätten Marwa vielleicht diese schlimmen Erlebnisse erspart, dazu hätte ja direkt eine Unterrichtseinheit eingebaut werden können. Als Lehrperson hätte ich klar Stellung bezogen für Empathie und wertschätzende Kommunikation und hätte versucht, daraus eine Klassenaufgabe für den Zusammenhalt zu machen. Vielleicht hätte Marwa dann mehr Unterstützung und Akzeptanz erfahren.