Critical Incident: Roaa B.

Roaa B. kommt aus Syrien und ist seit 2015 in Deutschland. An der Universität in Damaskus hat sie vor ihrer Flucht nach Deutschland drei Semester BWL studiert. 2019 hat sie ein Informatikstudium an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel begonnen.

Roaa
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Ahmad A. kommt aus Syrien und ist seit 2015 in Deutschland. Im Jahr 2008 hat er in Syrien Abitur gemacht und im Anschluss eine Ausbildung im Bereich Informatik absolviert. Wegen des Krieges ist er nach Libanon geflohen, wo er bei einer französischen Organisation als Lehrer für Geflüchtete in einer Schule tätig war. In Deutschland möchte er gerne Informatik studieren.

INTERPRETATION

Als der Mann der Frau einen Platz angeboten hat, wollte er vermutlich respektvoll und freundlich zu ihr sein. Es kann sein, dass die Frau das nicht so verstanden hat und sich gefragt hat, warum er den Platz nur ihr anbietet. In unserer Kultur in Syrien ist es unhöflich, wenn ein Mann im Bus sitzt und neben ihm oder in der Nähe von ihm eine Frau steht. Das wird als respektlos verstanden. Deswegen geben alle ihren Platz an Frauen und an ältere Menschen ab.

Mohamad B. kommt aus Syrien und ist seit 2015 in Deutschland. In seiner Heimat hat er bereits fünf Semester Medizin studiert. In Deutschland studiert er Zahnmedizin an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel.

INTERPRETATION

Diese Situation ist klar für mich. Der Mann wollte aus Höflichkeit den Platz an die Frau abgeben, aber die Frau hat sich geärgert, weil sie vermutlich dachte: „Ich kann einfach stehen bleiben, ich brauche keinen Platz von einer anderen Person zu bekommen.“ Bei uns in Syrien ist es Gewohnheit und Brauch, den Platz im Bus nicht nur an ältere Frauen abzugeben, sondern auch an jüngere Frauen und Mädchen. Ich würde den Platz auch abgeben. Wenn sich die Person ärgert, würde ich das erklären und sagen, dass ich es aus Höflichkeit mache. 

Franzi C. ist in Münster geboren und studiert Informatik an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel. Während ihrer Grundschulzeit lebte sie zwei Jahre lang in Südkorea. Ihre Eltern stammen beide aus Südkorea.

INTERPRETATION

Ich denke, dass die junge Frau verärgert war, weil man in Deutschland normalerweise nur älteren oder körperlich beeinträchtigten Menschen einen Platz anbietet. Es ist unüblich, einer jungen Frau einen Platz anzubieten.

Klara M. (33) ist in Deutschland geboren und aufgewachsen. Sie ist Systemische Beraterin. Beruflich und auch privat setzt sie sich gegen rassistische Diskriminierung und für eine Sensibilisierung zum Thema Rassismus und kritischem Weißsein ein. 

 

INTERPRETATION

Ich finde die Situation überhaupt nicht einfach. Ich glaube, man könnte sie aus unterschiedlichen Perspektiven interpretieren. Einmal würde ich sagen, dass sich die Frau, die den Platz angeboten bekommen hat, von dem jungen Mann als schwach interpretiert gefühlt haben könnte. In Deutschland bekommen oft Personen einen Platz angeboten, die schwach sind, also zum Beispiel ältere oder schwangere Personen oder Kinder. Wenn man es mit einer sexismuskritischen Brille betrachtet, dann könnte der Grund auch einfach sein, dass er ein Mann war und sie eine Frau. Sie könnte sauer gewesen sein, weil vielleicht Männer Frauen grundsätzlich als weniger gleichberechtigt oder weniger stark ansehen. Wenn eine Frau ihr den Platz angeboten hätte, dann wäre die Situation ganz anders gewesen, denke ich. Vielleicht hatte sie auch rassistische Bilder im Kopf. So wie sich das anhört, könnte ich mir das schon sehr gut vorstellen. Vielleicht hat sie sich gedacht, der syrische Mann, der sieht Frauen anders, als weniger gleichberechtigt, und war deswegen sauer. Ich habe ähnliche Situationen auch schon beobachtet.

Wenn ich in so einer Situation wäre, würde ich sicher nicht so reagieren wie die Frau, die hier
beschrieben wird. Ich würde mich aber schon kurz wundern, weil ich das auch so kenne und so
sozialisiert bin, dass eigentlich immer den schwächeren Personen der Platz angeboten wird *lacht*. Ich würde mich wahrscheinlich fragen, warum mich der Mann als schwach interpretiert.

Ein Projekt des Zentrums für Schlüsselqualifikationen (ZfS) der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel

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