CRITICAL INCIDENTS THEORY

Durch die fortschreitende Internationalisierung und Globalisierung ist der interkulturelle Kontakt allgegenwärtig. Die heutige Gesellschaft steht ständig vor der Frage, wie ein friedlicher Umgang insbesondere mit einer Vielfalt unterschiedlicher Nationalitäten, Kulturen und Lebenswelten gestaltet werden kann. Darin sehen wir eine riesige Chance, sich mit dem Thema der Vielfalt auseinanderzusetzen und nachhaltige Lösungen zu finden – Lösungen, die gegenseitige Toleranz, Empathie und Respekt in der Gesellschaft fördern! 

 

Sich mit dem Neuen und Anderen auseinanderzusetzen stellt eine große Herausforderung dar, denn heute wird nicht nur Grundwissen über Länder und Bewohner*innen gefordert, sondern auch die Fähigkeit in angemessener Art mit Personen anderer ethnischer Herkunft zu kommunizieren. Falls diese Kommunikation zwischen zwei Personen mit unterschiedlichem kulturellen Hintergrund misslingt, kommt es zu Missverständnissen mit der Folge, dass mindestens einer der Kommunikationspartner*innen irritiert ist. Diese Ereignisse werden “Critical Incidents” genannt. Die "Critical Incidents" Methode eignet sich als Werkzeug in interkulturellen Trainings, um mit unklaren, schwierigen oder missverständlichen Situationen im interkulturellen Kontakt umzugehen. Kulturelle Unterschiede werden analysiert und reflektiert, um mögliche Gründe für Missverständnisse herauszuarbeiten.


Allerdings gibt es auch Kritik an dieser Methode im interkulturellen Kontext. Insbesondere wird befürchtet, dass durch eine objektive Analyse der Situationen ein stereotypisches Denken gefördert werde. Kulturelle Gründe für das Handeln würden in den Vordergrund geschoben und individuelle Unterschiede vernachlässigt. Dabei gibt es gar nicht "die" Kultur, da die Ausprägung eines Kulturstandards von Mensch zu Mensch unterschiedlich ist. Dafür ist es wichtig zu verstehen, dass in einer interkulturellen Interaktion mehrere Faktoren eine Rolle spielen. Das K-P-S-I Modell (Bosse 2011) verdeutlicht dies, indem die vier Aspekte Kultur, Person, Situation und Institution betrachtet werden. Berücksichtigt man diese Aspekte, so lässt sich vermeiden, dass das Verhalten einer Person  ausschließlich als Eigenart ihrer Kultur begründet wird. 

 

Auf unserer Website werden Critical Incidents als Fallbeispiele in Form von Text, Audio- und Filmbeiträgen wiedergegeben. Daneben befinden sich Interpretationen aus dem Kulturkreis der berichtenden Person sowie aus dem Kulturkreis der Interaktionspartner*innen. Dadurch wollen wir sicherstellen, dass eine Situation nicht automatisch als typisch für einen Kulturkreis gedeutet wird, denn in vielen Fällen zeigt sich, dass Personen aus demselben Kulturraum unterschiedliche Sichtweisen auf eine bestimmte Situation haben. Außerdem wollen wir anregen, dass durch diesen Perspektivwechsel die eigene kulturelle Prägung hinterfragt und reflektiert wird.

Quellen:

 

Bosse, Elke (2011). Qualifizierung für interkulturelle Kommunikation: Trainingskonzeption und -evaluation. München: ludicium.

 

Bosse, E. (2018). Studienrelevante Heterogenität erkunden: Erhebung und Analyse von Critical Incidents. In Auferkorte-Michaelis N. & Linde F. (Hg.), Diversität lernen und lehren – ein Hochschulbuch (pp. 116-134). Opladen; Berlin; Toronto: Verlag Barbara Budrich.  http://www.jstor.org/stable/j.ctvbkjx58.11 [Zugriff: 21. August 2019]


Deutsches Studentenwerk (Hg.) (2016). Eine Frage der Perspektive. Critical Incidents aus Studentenwerken und Hochschulverwaltung. Berlin.

Hall, E.T. (1959). The Silent Language. New York: Doubleday.

Hall, E.T. (1966). The Hidden Dimension. New York: Doubleday.

Hall, E.T. (1976). Beyond Culture. New York: Doubleday.

Hiller, Gwenn G., Vogler-Lipp, S. (Hg.) (2010): Schlüsselqualifikation Interkulturelle Kompetenz an Hochschulen: Grundlagen, Konzepte, Methoden. Wiesbaden: VS Verlag.

Projekt Mehrsprachigkeit und Multikulturalität im Studium: http://www.mumis-projekt.de/mumis/index.php [Zugriff: 20. August 2019]

Schumann, A. (Hg.) (2012). Interkulturelle Kommunikation in der Hochschule: Zur Integration internationaler Studierender und Förderung Interkultureller Kompetenz. Bielefeld: transcript Verlag.

Weidemann, A., Straub, J., & Nothnagel, S. (2010). Wie lehrt man interkulturelle Kompetenz?: Theorien, Methoden und Praxis in der Hochschulausbildung. Ein Handbuch. Bielefeld: transcript Verlag.

Wissenschaft weltoffen. Bildungsausländer/innen und Bildungsinländer/innen in Deutschland seit 2006. Hg: Deutscher Akademischer Austauschdienst (DAAD) und Deutsches Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW) Bielefeld. www.wissenschaftweltoffen.de [Zugriff: 12. Februar 2020]

 

Ein Projekt des Zentrums für Schlüsselqualifikationen (ZfS) der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel

(c) 2020